Naturreligion

Ich bin ein Mensch, der besonders gern und schnell Gemeinsamkeiten und Parallelen sucht. So auch, oh jemineh, in Sachen der Religionen dieser Welt. Also an alle Schwarz-Weiß-Seher: weggesehen! Oder packt Euch doch die Neugier ?

Natürlich: beständig ist in allem allein der Wandel. Und so ist auch meine eigene "Wahrheit" über Religion und Glauben einem Wandel, oder sagen wir einer Verfeinerung, unterzogen. Ich freue mich deswegen sehr über Diskussion, Ideen und Anregungen - zum Beispiel per Mail an mich: schello@ilfur.de !

Ganz grob gesprochen haben so ziemlich alle existierenden Religionen wie Christentum, Islam, Buddhismus, modernes Heidentum, Schamanismus, usw. als Ziel die Verbindung und unmittelbare Nähe jedes Einzelnen zu seiner Umwelt und damit natürlich zur Natur. Eigentlich zu allem.
Es geht freilich immer um die Frage woher wir kommen und wohin wir gehen, und ob es da noch mehr gibt als das, was wir mit den amtlich anerkannten Sinnen wahrnehmen können. Dazu gehört aber vor allem die Wahrnehmung und Respektierung unserer Umgebung, verankert zumeist in Geboten, gesellschaftlichen Regeln und Richtlinien. Dieser Respekt gebührt daher hauptsächlich dem einen Geist, dem Chi, dem Prana, dem Lebensfunken, der in uns und allem steckt, alles durchfließt und allgegenwärtig ist. Der Respekt vor allem Lebenden - nicht nur Mensch, sondern auch Tiere und Pflanzen, Erde, sogar Steine und Orte, ist Kern ihrer Lehre.
Nur im Detail unterscheiden sich die Religionen und über eben diese Details zanken sich die Menschen, die sich als Anhänger des "einzig wahren" Glaubens wähnen. Schon wieder treffen wir auf so viele Wahrheiten, und alle sind sie wahr... Details finden sich zum Beispiel in Namen, Ritualen, Berücksichtigung örtlicher Gegebenheiten und so weiter.
Eine Denkweise der Auftrennung in Schwarz und Weiß, Gut und Böse ist allen diesen Religionen im Grunde fremd! Denn alles, alles besitzt immer einen hellen und gleichzeitig einen dunklen Aspekt. Oder zumindest unterschiedliche Aspekte, sie müssen ja nicht "schwarz-weiß" sein. Aber eben unterschiedlich. Wie männlich-weiblich-neutral zum Beispiel. Vor hunderten von Jahren war das Weibliche wie auch alles Körperliche schwarz, schlecht, böse, bäh und so weiter. Zum Glück ist das nicht mehr überall so. Oder nehmen wir die drei Aspekte des christlichen Gottes, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Oder Yin und Yang, die zusammengehörenden und sich ergänzenden Gegensätze! Es gibt nichts, rein gar nichts, das ausschließlich gut oder böse wäre! Aus einer anderen Perspektive gesehen ist das, was erst gut schien, dann doch schlecht... ganz sicher! Probiert es aus, findet andere mögliche Sichtweisen !

Die ursprünglichsten aller Religionsformen sind wohl der Paganismus (neudeutsch) oder ein Teil des Heidentums (die barbarischsten unter den "Nicht-Christen"), oder auch der Schamanismus (die "Spiritualisten der Naturvölker" - also auch die Druiden?). Auch dort heißt es, daß alles beseelt sei, sein eigenes mehr oder weniges waches Bewußtsein hat. Und damit hat alles auch seinen eigenen Willen und sogar Stimmungen, die es ausstrahlt. Ja, auch Pflanzen und Steine! Nur eben vielleicht etwas leiser, träger und ruhiger, aber trotzdem !
Der Buschmann-Jäger ist respektvoll und entschuldigt sich bei dem Wild, das er erlegt hat. Und er tötet darum nicht aus Gewinnsucht oder purem Vergnügen! Andere Völkergruppen stimmen die Geister der zu erlegenden Tiere oder deren Schutzgeist erst durch Tänze und Gesänge gnädig und bringen Opfer dar.
Druiden holen sich Erinnerungen aus großen alten Steinen von magischen Orten, oder von alten Bäumen. Andere Schamanen benutzen Totems und laden sie wiederholt mit positiver oder negativer "Energie", die später abrufbar ist.
Wie würde jemand, der mehr die analytische Seite in sich benutzt als sein "Bauchgefühl", das beschreiben ? Zum Beispiel ein Psychiater oder ein "rationell denkender Mensch" ? Wahrscheinlich so: Man verbindet Erinnerungen und Gefühle mit Gegenständen und trainiert sich darauf, durch das Anfassen oder Betrachten des Totem-Gegenstandes diese Gefühle wieder abzurufen. Und was soll ich sagen, es ist natürlich wahr - aber nicht die einzige mögliche Wahrheit!

Ich halte den Schamanismus für eine verfeinerte Form des Paganismus: weil hier jemand die Rolle eines geistlichen Ansprechpartners oder gar "Führers" übernimmt und Rituale praktiziert, Kontakt zu den Geistern aufnimmt indem er sich in andere Bewußseinszustände überführt und heilende Fähigkeiten besitzt, teilweise auch einfach durch Kunde von heilenden Pflanzen und anderen Stoffen.
Kurz: Es wird Wissen zentral gesammelt und weitergereicht und dabei nicht unterschieden zwischen Kopf- und Bauch-Wissen. Man könnte sagen, es handelt sich um eine Form von "gefühlter, nicht-analytischer Wissen-Schaft".
Bis ins spätere Christentum hinein waren Wissenschaft und Religion miteinander untrennbar verbunden. Durch Wissenschaft neu errungene Wahrheiten galten erst als wahr, wenn sie mit "der Kirche" vereinbar waren und vereinbart wurden! Erst durch Wiedereinführung rationeller, methodischer Vorgehensweise aus der griechischen Antike UND deren Akzeptanz durch "die Kirche" wurden beide irgendwann trennbar.
Übrigens, ich unterscheide heute noch immer massiv zwischen Religion und der Kirche als Institution. Also zwischen der "ursprünglichen Lehre" und deren etablierten Interpretation. Letzteres ging desöfteren gründlich in die Hose und sollte deswegen dringend überdacht werden :-)

Aus Büchern über Kelten und Druiden habe ich erfahren, daß die Druiden neben rein glaubenstechnischen Dingen zusätzliche Aufgaben übernommen hatten, wie zum Beispiel die Lenkung politischer Geschicke, Beschwichtigung von Rangeleien zwischen Stämmen oder gar deren Zusammenschließung gegen gemeinsame Feinde.

Weltliche Fürsten wurden von Druiden beraten, teilweise waren die Druiden selbst weltliche Fürsten - wie Diviciacus zum Beispiel, ein keltischer Fürst, Druide und geistlicher Berater für Julius Cäsar.
Wie mächtig das Wort eines Druiden war erklären Beispiele, in denen Schicksale besiegelt waren, indem allein Reime oder Lieder über betreffende Personen aufgesagt wurden. Die Geiß und der Bann waren die mächtigsten negativen Waffen der Druiden, wie später zur Zeit der christlichen Kirche die Exkommunikation, der Ausschluß aus der Gemeinschaft.

Nach dem Schamanismus der Naturvölker, dem Druidentum der Kelten und Germanen kam nun das Christentum und hielt Einzug in unsere Regionen.
Über die christliche Kirche gibt es sehr viele Wahrheiten, auch widersprüchliche, zu erzählen.
Meine eigene Wahrheit ist, daß die Kirche ursprünglich ein Überbleibsel der sich zurückziehenden Römischen Kultur war. Die Kirche wurde als politisches Instrument eingesetzt, die verstreuten germanischen Stämme unter einem gemeinsamen Deckmantel zu vereinen. Das Ziel wurde erreicht, nur sind die geistigen Fürsten aber leider über ihr Ziel stark hinausgeschossen. Der "Heidnische Glauben" wurde als brutal und barbarisch abgetan. Es gibt nur einen Gott, und die zahlreichen anderen als Götter bezeichneten Geistwesen durften daher nicht sein. Einige davon wurden gar als Gottes Gegenspieler abgetan, als Böse. Man begann in vielen Dingen, nur noch einen einzigen Aspekt zu sehen und als "die eine Wahrheit" aufzufassen. Zum Beispiel "das Männliche Prinzip", das Patriarchat. Alles Weibliche war Böse. Fröhlichkeit und Körperlichkeit war irgendwann böse. Alles Andersartige und Neue war irgendwann Böse und wurde verfolgt, gejagt, verbrannt, geächtet, gefoltert und so weiter. Das Spielchen ging immer und immer weiter - Kreuzzüge, Ablaßbriefe zum Freikauf von Sünden, Reliquienhandel... sehr apart.
Aber mittlerweile sind die Menschen wieder zur Vernunft gekommen und offener für andere Aspekte - oder sind zumindest dabei, es zu tun.
Lustigerweise steckt auch hier hinter all dem "Bösen" unglaublich viel Gutes ! Auch hier gibt es mehr als nur eine Wahrheit.
Das Wissen über uralte Rituale und "Gottheiten" bzw. Geistwesen blieb erhalten, indem es aufgeschrieben wurde. Zwar verfälscht und angepaßt, aber der Kern vieler Aufschriebe blieb dennoch erhalten.
Aus Geistwesen wurden Engel und Heilige, die noch immer angebetet werden dürfen - als Stellvertreter für Gott natürlich.
Aus heidnischen Festen und Ritualen wurden Kirchliche. Zwar wurde Ostern, Mariä Himmelfahrt, Lichtmeß, Weihnachten und so weiter ein Christlicher Aspekt verliehen, aber die ursprünglichen Rituale des ehemaligen Heidentums blieben genau dadurch erhalten!
Das "erste Licht" zu Lichtmeß, prächtige Farben und Eier, Maibäume für das neue Leben, der immergrüne Weihnachtsbaum, und so weiter!

Ein Punkt, vielleicht zur Inspiration - warum haben die Druiden ihr Wissen nicht aufgeschrieben?
Gut, das kann mehrere Gründe gehabt haben. Ein paar davon einfach mal aufgezählt:
  • Das geschriebene Wort hatte eine so große Macht, daß eigentlich nur im seltensten Falle etwas niedergeschrieben wurde. Also keinesfalls Trivialitäten wie Geschichten, Rezepte für Heilmittel, Heiligennamen und so weiter. Die japanische Kultur lebt diesen Gedanken der Macht von Schrift und Zeichen noch heute sehr stark aus.
  • Geschriebene Worte können vom gemeinen Volk gelesen werden, was den Unterschied zur gebildeten Druidenschicht verringert und den Druidenstand gefährdet. Das war auch später zur Zeit der Kirche ein Problem, also war es dem gemeinen Volk vergönnt, zu lesen und zu schreiben. Das konnten oft nur die gelehrten geistlichen.
  • Geschriebene Texte sind nicht eindeutig und müssen immer interpretiert werden. Im Gegensatz zur Sprache ist ein Textdokument nicht in der Lage, sich zu erklären und so auf den Leser und sein Verständis des Inhaltes einzugehen. Die ursprüngliche Bedeutung eines Textes kann im Laufe der Jahrhunderte verloren gehen, wenn sich z.B. die Lebensweise, der Glaube wandelt oder das Wissen verlorengeht bzw. erweitert. Erzählte Geschichten und Wahrheiten sind einem ständigen Wandel unterzogen, werden ergänzt und umgeformt. Sie leben wie ein Lebewesen und entwickeln sich weiter, so daß sie immer richtig verstanden werden. Dafür daß sie ihre ursprüngliche Aussage NICHT verlieren müssen z.B. die Druiden sorgen.
  • Druiden konnten nicht schreiben, deren Zivilisation und Kultur war nicht weit genug entwickelt. Das könnte sehr wohl wahr sein, denn vielleicht war die Entwicklung einer Schrift in dieser Kultur ja gar nicht nötig? Oder es genügten Zeichen und Symbole in Stein und Holz gehauen wie bei den Japanern? Wer weiß das schon!


Was glauben die Religionen über die Zeit vor und nach dem Leben, also woher wir kommen und wohin wir gehen ?
Ich denke, alle Religionen sind sich einig darüber, daß es "davor" und "danach" etwas geben muß. Manche sagen, das ist überhaupt der Grund, warum Religion existiere - nämlich genau das Mysterium "Tod" zu erklären.
Ich sage, für einen analytisch denkenden Menschen ist Religion dazu da, alles das behilfweise zu erklären, was per Analyse noch nicht erklärbar ist.
Lustigerweise nimmt die Zahl der unerklärbaren Dinge immer weiter zu, je mehr Dinge rational erklärbar sind! Religion auszuüben ist und bleibt also ein sicherer Beruf für den, der das möchte.
Was glaubst Du - was existiert vor, nach und vielleicht sogar während des Lebens noch ?
Mehr dazu in meinen Gedanken über die Anderswelt.

Woher haben wir eigentlich unser Wissen über Druiden, wenn es doch keine Schrift gab?
Ein sehr geringer Teil dieses Wissens stammt aus der Hand griechischer und römischer Autoren. Eigentlich nur der rationelle, analytische Teil über wenige Rituale, und zudem noch stark verfälscht.
Denn wer wird sich schon die Mühe machen, die bösen und dummen Barbaren richtig verstehen zu wollen?
Der restliche Teil davon ist tatsächlich erraten, erfühlt, mündlich überliefert, "intuitiv erworben" oder auch "schlußgefolgert" aus Überlieferungen, Geschichten und Bräuchen der Iren, Waliser, Schotten, aus der Bretagne, Bayern, Schweiz und so weiter. Einige Dinge sind aber auch einfach so weit hergeholt, daß man sie als erlogen bezeichnen kann, weil an ihnen kein Stück Wahrheit mehr zu erkennen ist!

Noch ein kleiner Exkurs: magische Handlungen und deren "authentizität"
Legt also jemand Wert auf "Authentizität" bei seinen Ritualen, kann er sich glaube ich nur an das Kirchenjahr und verschiedene Volksbräuche halten, alles andere würde ich dann seeeehr sehr kritisch in Augenschein nehmen, an seiner Stelle.
Aber ganz ehrlich - ein Ritual, eine magische Praxis, muß nicht authentisch sein. Es muß wirken. Und dafür gelten ganz andere Regeln, nicht unbedingt die Tatsache, daß das Ritual soundsoviel hundert Jahre alt sein muß. Ist ein Ritual "inspirierend" und erfüllt seinen Zweck ist es mir unwichtig, ob es ein "original-Ritual" mit Echtheitszertifikat ist oder nicht.
Mehr dazu in meinen Gedanken über die Magie.

So, ich glaube das wars erst einmal über die Naturreligion von mir. Was meint Ihr dazu?

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